Am heutigen Tag, den 22. Mai 2026, begeht die Johannes Gutenberg-Universität Mainz den 80. Jahrestag ihrer Gründung im Jahr 1946, kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Zugleich verstehen wir dieses Datum als Auftakt zu den Vorbereitungen auf das 550-jährige Jubiläum der Gründung der Universität Mainz – wie passen diese beiden Jubiläen zusammen?
Um eine Erklärung für diese scheinbar gegensätzlichen Jubiläen zu finden, wagen wir einen Blick in ihre Geschichte. Die Johannes Gutenberg-Universität Mainz ist eine junge Universität mit alter Geschichte. Anders als der Name vermuten lässt, ist sie keine spätmittelalterliche Gründung, sondern entstand im Jahr 1946 auf Initiative der französischen Besatzungsmacht. Dennoch reicht die universitäre Tradition in Mainz deutlich weiter zurück. Bereits im Jahr 1477 rief der Mainzer Kurfürst und Erzbischof Diether von Isenburg in Mainz eine Universität ins Leben. Diese sogenannte Alte Mainzer Universität feiert im Jahr 2027 ihr 550-jähriges Jubiläum.
Damit verfügt die Universität Mainz über gleich zwei Gründungsjahre, die jeweils Anlass für ihre eigenen Jubiläumsfeierlichkeiten bieten: So durften wir – noch in Coronazeiten – im Jahr 2021 das 75-jährige Jubiläum der JGU feiern, mit einem großen Festakt, einer eindrucksvollen Festschrift und einem Jahr voller Rückblicke. Fünf Jahre zuvor wurde das 70-jährige Jubiläum begangen und blickt man etwas weiter in die Vergangenheit zurück, stößt man auch auf das 500-jährige Jubiläum der Alten Universität Mainz im Jahr 1977.
Damit diese Jubiläen nicht zur bloßen Routine verkommen oder im Festtagsglanz verschwinden, lohnt es sich, einmal genauer hinzusehen: Was wird 2027 eigentlich gefeiert und warum? 550 Jahre Universität Mainz bedeuten Wissensproduktion, gesellschaftlicher Wandel, politische Brüche, kultureller Austausch und gelebte Verantwortung gegenüber Wissenschaft und Gesellschaft. Die Geschichte unserer Universität ist untrennbar verwoben mit der Geschichte der Stadt Mainz, der Region und weit darüber hinaus.
Obwohl die Gründungsurkunde der Universität Mainz auf den 23. November 1476 datiert ist und der Mainzer Erzbischof Diether von Isenburg zur feierlichen Eröffnung am 1. Oktober 1477 einlud, reicht ihre Vorgeschichte noch weiter zurück. Bereits am 14. April 1476 hatte Papst Paul II. eine förmliche Bittschrift („Supplik“) des Mainzer Kurfürsten genehmigt, welche die Einrichtung eines studium generale in der Stadt zum Ziel hatte. Denn bereits Diethers Vorgänger, Erzbischof Adolf II. von Nassau (1461–1475), hatte in den 1460er Jahren versucht, eine Universität in Mainz zu gründen. An der frisch gegründeten Universität sollten schließlich 14 Lehrstühle das gesamte Wissen der Zeit abdecken: Theologie, kanonisches und ziviles Recht, Medizin, sowie die freien Künste. Damit verfügte die Universität Mainz über ein Fächerangebot, das den Vergleich mit anderen Universitäten keineswegs scheuen musste.
Ende des 18. Jahrhunderts machte das Gedankengut der Französischen Revolution von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit auch vor der Universität Mainz nicht halt. Einige Professoren und Studenten ließen sich von ihnen begeistern, darunter der Schriftsteller, Weltumsegler und Universitätsbibliothekar Georg Forster. Was politisch Aufbruch versprach, hatte jedoch institutionell weitreichende Folgen. In den Wirren der Revolutionskriege kam der Lehrbetrieb im Jahr 1798 nach mehr als 300 Jahren zu seinem vorläufigen Ende – nur einige Teile der Alten Universität Mainz sollten bis zu ihrer Wiedereröffnung fortbestehen.
Die Wiedereröffnung am 22. Mai 1946, nur wenige Monate nach Kriegsende, erfolgte unter bemerkenswerten Umständen. Zunächst stellte sich die Frage nach einem geeigneten Standort, denn die Mainzer Innenstadt lag weitgehend in Trümmern. Die Lösung fand sich im Südwesten von Mainz: eine ehemalige Flakkaserne, in der die meisten Fakultäten der neu gegründeten Campus-Universität untergebracht wurden. Für eine Universität war dies ein ungewöhnlicher Standort. Schließlich hatte die französische Militärverwaltung ihr mit dem Aufbau einer demokratischen Gesellschaft und die Förderung der Völkerverständigung einen ausdrücklich zivilen Auftrag zugedacht. So wurde aus einer Stätte des Krieges eine Stätte des Wissens.
Von Beginn an sollte die Johannes Gutenberg-Universität Mainz ein Ort der Verständigung zwischen Deutschland und Frankreich sein. Die beiden Länder hatten zwischen 1870 und 1945 drei Kriege gegeneinander geführt und galten lange als erbitterte Erbfeinde. Bereits in den ersten Jahren der JGU lehrten zahlreiche französische Professoren und Gastdozenten in Mainz. Schon im Sommersemester 1947 öffnete sich die junge Universität wieder der internationalen akademischen Gemeinschaft: Ein internationaler Ferienkurs ermöglichte deutschen Studierenden erstmals nach dem Krieg den Austausch mit Kommilitoninnen und Kommilitonen aus anderen Ländern.
Ganze 550 Jahre Geschichte, eine Gründung und eine Wiedereröffnung, zahlreiche Kriege und Neuanfänge, eine ehemalige Kaserne und ein moderner Campus und unzählige Ideen: Die Geschichte der Universität Mainz ist alles andere als gradlinig und gerade darin liegt ihr Reiz. Denn eine Universität, die nichts erzählen kann, hat auch nichts zu fragen. Und Fragen stellen, ist schließlich das, wofür sie da ist. Als die Johannes Gutenberg-Universität Mainz 1946 wiedereröffnet wurde, verband die französische Militärverwaltung mit ihr einen klaren Auftrag. Sie sollte nicht nur Wissen vermitteln, sondern zum Aufbau einer demokratischen Gesellschaft beitragen – in einem Land, das gerade zwölf Jahre nationalsozialistischer Diktatur und einen verheerenden Krieg zu verantworten hatte. Die Neugründung der Universität war damit mehr als eine bildungspolitische Entscheidung. Sie war Ausdruck der Hoffnung auf einen Neuanfang: auf Offenheit, internationale Verständigung und den Dialog über nationale Grenzen hinweg. So schließen sich die beiden Jubiläen zu einer gemeinsamen Geschichte zusammen. Das eine erinnert an die Anfänge universitärer Bildung in Mainz vor 550 Jahren, das andere an den demokratischen Neubeginn 1946. Gemeinsam erzählen sie, woher die Universität kommt – und welchen Auftrag sie bis heute prägt.

Robert Kohl hat sein Bachelor-Studium (B.Ed.) in Geschichte und Spanisch an der JGU Mainz mit Auslandsaufenthalt an der Universidad de Concepción in Chile absolviert. Er ist neben seinem Masterstudium Autor und politischer Analyst zu Lateinamerika und war zuvor von 2018–2025 für verschiedene Abgeordnete im Deutschen Bundestag tätig. Als Wissenschaftliche Hilfskraft wirkt er in der Projektgruppe 550 Jahre Universität Mainz in der Redaktion des Jubiläumsblogs.
E-Mail: rkohl01@students.uni-mainz.de
Mathy, Helmut (Hrsg.): Die Wiedereröffnung der Mainzer Universität 1945/46. Dokumente, Berichte, Aufzeichnungen, Erinnerungen. Mainz 1966.
Kißener, Michael (Hrsg.): Ut omnes unum sint. Teil 1. Gründungspersönlichkeiten der Johannes Gutenberg-Universität. Stuttgart 2005 (Beiträge zur Geschichte der Johannes Gutenberg-Universität Mainz, N.F. 2).
Krausch, Georg (Hrsg.): 75 Jahre Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Universität in der demokratischen Gesellschaft. Regensburg 2021.
Mathy, Helmut: Von der kurfürstlichen Hohen Schule zur Johannes Gutenberg-Universität. In: Dumont, Franz / Scherf, Ferdinand / Schütz, Friedrich (Hrsg.), Mainz. Die Geschichte der Stadt. Mainz 1998, S. 703–732.
Mathy, Helmut: Die Erforschung der Mainzer Universitätsgeschichte. Erfahrungen, Probleme, Projekte und Perspektiven. In: Jahrbuch der Vereinigung “Freunde der Universität Mainz” 25/26 (1976/77), S. 39–65.